Nachgefragt bei Prof. Dr. Florian Beuer

Hören Sie das Inter­view als Podcast

Prof. Dr. Florian Beuer interviewt von Barbara Ritzert

Wie viele Fälle werden bei Ihrem Web-Seminar zum Thema „Fall­pla­nung“ prä­sen­tiert und besprochen?
Ich bereite sechs bis sieben Fälle vor und wir dis­ku­tieren davon im Seminar vier bis fünf auf alle Fälle. Es kommt natür­lich immer auf die Gruppen an, wie intensiv sie in die Fälle ein­steigen und welche Ideen auch von den Teil­neh­mern ein­ge­bracht werden. Das Seminar ist inter­aktiv und keine Vor­le­sung. Es gab auch schon Fälle, über die wir zwei Stunden intensiv dis­ku­tiert haben – je mehr Dis­kus­sionen auf­kommen, umso größer ist der Erkennt­nis­ge­winn für alle und für mich ganz genauso.

Nach wel­chen Kri­te­rien wählen Sie die Fälle für diese Kurse aus?
Ich wähle sie so aus, dass sie mög­lichst viel­schichtig sind. Die Pro­bleme, die bei diesen Fällen auf­treten oder wäh­rend der Behand­lung auf­treten können kommen aus ver­schie­denen Berei­chen. Dadurch sind wir gefor­dert, diese Pro­bleme zu anti­zi­pieren. Dann gilt es, ver­schie­dene Kon­zepte zu durch­denken. Das ist vor allem bei kom­plexen Pla­nungen wichtig. Wir müssen uns am Anfang diese Gedanken machen und diese auch dem Pati­enten kom­mu­ni­zieren können. Das sind fast immer Fälle mit einer Vor­be­hand­lung, sei es par­odon­to­lo­gisch sei es pro­the­tisch, es kann auch ein mehr­stu­figes chir­ur­gi­sches Kon­zept sein. Es ist eigent­lich immer so, dass man auch zeit­lich gefor­dert ist. Und eines ist sowieso klar: die eine per­fekte Lösung gibt es für so einen kom­plexen Fall nie, es gibt immer Unter­schiede bei den Her­an­ge­hens­weisen und ent­spre­chend dann auch unter­schied­liche Risiken, die man dann bereit ist ein­zu­gehen oder eben nicht. .

Gibt es Fälle mit unter­schied­li­chem Schwie­rig­keits­grad oder prä­sen­tieren Sie vor allem beson­ders kniff­lige oder kom­plexe Fälle?
Es gibt Fälle mit unter­schied­li­chen Schwie­rig­keits­graden. In man­chen Situa­tionen ist es viel­leicht die Schwie­rig­keit das Hand­ling des Pati­enten oder die pro­the­ti­sche Vor­be­hand­lung. In anderen Fällen ist es viel­leicht eher das chir­ur­gi­sche Pro­to­koll, das wir planen. Gene­rell hat jeder Fall eine andere Pointe, eine andere Schwie­rig­keit. Der eine ist etwa chir­ur­gisch extrem ein­fach, dafür pro­the­tisch anspruchs­voller, der andere ist pro­the­tisch ein­fach dafür chir­ur­gisch anspruchs­voll und manche sind wirk­lich kom­plex und anspruchs­voll in jeg­li­cher Hinsicht.

Ist der Kurs auch für Anfänger inter­es­sant oder sollte man schon eine gewisse Erfah­rung in der Implan­to­logie mitbringen?
Der Kurs ist auch für Anfänger inter­es­sant. Wichtig ist bei diesem Kurs vor allem, dass man sich aktiv betei­ligt, dass man an Dis­kus­sionen teil­nimmt, denn davon lebt das ganze Web-Seminar. Es ist keine Fron­tal­ver­an­stal­tung. Ich starte mit einem kleine Impuls­re­ferat, das nur die Funk­tion hat, alle Teil­nehmer abzu­holen, sie sollen mein Kon­zept ken­nen­lernen. Aber dann steigen wir ein, wir dis­ku­tieren diese Fälle im Detail und da ist auch ein Kol­lege oder eine Kol­legin, die noch keine große Erfah­rung haben natür­lich genauso will­kommen. Denn auch die Fragen dieser Teil­nehmer sind wichtig, weil man diese Fälle dann aus deren Per­spek­tive sieht. Für mich ist das aller­wich­tigste bei einem Fall nicht die Frage, ob ich den selbst behan­deln kann oder nicht, son­dern dass ich erkenne, dass es ein kom­plexer Fall ist, bevor ich die Behand­lung beginne. Es ist für Ein­steiger sehr sehr wert­voll, hier Erfah­rungen zu sam­meln, wenn er etwa sieht, dass ein Fall von Anfang an schwierig aus­sieht. Ein sol­cher Fall macht es mir dann eher leicht, dass ich mich als Anfänger nicht über­schätze. Aber dann gibt es Fälle, die schauen am Anfang viel­leicht gar nicht so kom­plex aus, aber dann kann ich viel­leicht in eine Falle tappen, wenn ich anfange zu behan­deln und die Schwie­rig­keiten nicht erkenne. Inso­fern ist für alle etwas drin – von sehr erfah­renen Kol­le­ginnen und Kol­legen bis zu abso­luten Ein­stei­gern, auch wer nur chir­ur­gisch tätig ist oder nur pro­the­tisch kann durch die Dis­kus­sionen der Fälle pro­fi­tieren. Übri­gens sind auch Zahn­tech­ni­ke­rinnen und Zahn­tech­niker herz­lich will­kommen, an den Dis­kus­sionen teilzunehmen.

Wählen Sie die Fälle auch danach aus, dass man an ihnen bestimmte neue The­ra­pie­kon­zepte prä­sen­tieren und dis­ku­tieren kann?
Wir haben immer auch Fälle, bei denen neue Tech­niken eine Rolle spielen. Gleich­wohl gilt: je kom­plexer ein Fall ist, umso kon­ser­va­tiver ist die Her­an­ge­hens­weise. Bei chir­ur­gisch anspruchs­vollen Fällen wird man kaum irgendein Risiko ein­gehen, etwa durch eine Sofort­be­las­tung bei­spiels­weise. Das gilt auch, wenn die pro­the­ti­sche Ver­sor­gung anspruchs­voll ist. Es ist dann wichtig, dass man Zwi­schen­schritte macht. In diesen Zwi­schen­schritten sind dann durchaus inno­va­tive Ansätze ent­halten, die man so vor zehn Jahren nicht gemacht hätte.

Sie haben es bereits erwähnt, dass es bei den meisten Fällen nicht nur den Königsweg oder den besten The­ra­pieweg gibt.
In sehr vielen Fällen gibt es meh­rere Lösungs­mög­lich­keiten. Man muss drei Facetten in einer Fall­pla­nung zusam­men­bringen. Da ist auf der einen Seite der Wille des Pati­enten, das ist ganz klar. Der Patient muss das ganze bezahlen und muss das Ganze mit­ma­chen. Hinzu kommt die externe Evi­denz, das ist die Wis­sen­schaft, das bedeutet alles, was wir an Daten haben. Ganz wichtig ist aber auch die interne Evi­denz, das ist die per­sön­liche Erfah­rung und das Wissen. Ich weiß ganz genau, dass ich mich per­sön­lich bei man­chen The­ra­pien wohler fühle. Bei diesen weiß ich, dass ich die Behand­lung erfolg­reich durch­führen kann. Bei man­chen The­ra­pien fühle ich mich weniger wohl. Das ist ein ganz wich­tiger Punkt: Wir müssen uns selbst rea­lis­tisch ein­schätzen können, wir müssen sagen können, dieser Fall ist Okay, den kriegen wir hin. Dies wird immer unsere The­ra­pie­wahl beein­flussen. Wir sind nicht frei davon, dass wir mit man­chen Dingen gute und mit anderen Dingen schlechte Erfah­rungen gemacht haben ¬ und dass dies die Wahl der The­rapie mit beein­flusst. Inso­fern gibt es diesen einen Königsweg in den aller­meisten Fällen nicht.

Wurde schon mal ein Vor­gehen von einem Teil­nehmer vor­ge­schlagen, dass Sie ver­blüfft, über­rascht oder beein­druckt hat?
Das ist defi­nitiv der Fall. Bei man­chen Fällen, die wir aus­führ­lich dis­ku­tieren, kommen sehr schöne Lösungs­vor­schläge, die kom­plett anders sind als die The­rapie, die ich gemacht habe. Wenn ich viele Vor­schläge berück­sich­tige, die auf gar keinen Fall schlechter sind als das, was ich gemacht habe, dann lerne auch bei diesen inter­ak­tiven Semi­naren immer dazu, weil es immer inter­es­sant ist, ver­schie­dene Facetten zu sehen. Jeder Kol­lege und jede Kol­legin hat nor­ma­ler­weise gute Ideen und „falsch“ gibt es da eigent­lich nicht. Oft denke ich dann Ja, das hätten wir auch so machen können, das wäre sogar viel­leicht für den Patient ein­fa­cher oder besser gewesen.

X
X